„Hämmernde Rhythmen, rauschende Akkorde, wirbelnde Kaskaden rascher Noten […] eine schwindelerregende Toccata im Perpetuum-mobile-Stil. Herr Tiempo bot eine funkelnde und virtuose Darbietung.“
—— The New York Times
Geboren in Caracas, Venezuela, wuchs der argentinische Pianist Sergio Tiempo in einer von Musik geprägten Familie auf – ein Umfeld, das seinen Lebensweg maßgeblich beeinflusste. Bereits im Alter von drei Jahren begann er seinen Klavierunterricht bei seiner Mutter Lyl De Raco, bevor er seine Ausbildung an der Fondazione per il Pianoforte in Como fortsetzte, wo er mit Dmitri Bashkirov, Fou Tsong, Murray Perahia und Dietrich Fischer-Dieskau zusammenarbeitete.
Aufgrund der langjährigen Freundschaft seines Vater Martín Tiempo mit Martha Argerich und Nelson Freire, erhielt Sergio Tiempo schon früh zusätzliche künstlerische Inspiration und Anleitung von beiden Musikern, die zu seinen bedeutendsten Mentoren wurden. Im Alter von vierzehn Jahren gab Tiempo sein vielbeachtetes Debüt im Concertgebouw Amsterdam. Mit einer musikalischen Vielseitigkeit, die von Beethoven, Chopin und Prokofjew bis zu Villa-Lobos und Ginastera reicht, erlangte er rasch internationale Anerkennung.
Wie begann Ihre Karriere als Pianist?
Sowohl meine Mutter, Lyl De Raco, als auch ihre Eltern, waren Pianisten. Als großartige Pädagogin für Kinder zog sie unzählige junge Klavierschüler in unser Haus in Venezuela, das quasi ein musikalisches Zentrum war – auch dank meiner älteren Schwester, die bereits eine fortgeschrittene Pianistin war. In einer solchen Umgebung war es kaum vorstellbar, dass ich außen vor bleiben würde. Offenbar fragte ich meine Mutter im Alter von zwei Jahren: „Warum bin ich der Einzige, der keinen Unterricht von dir bekommt?“ Kurz darauf begann ich wenige Monate vor meinem dritten Geburtstag mit meinem ersten „offiziellen“ Klavierunterricht.
Wie hat Ihr Werdegang Ihren künstlerischen Stil und Ihre Darbietungsweise geprägt?
Ich hatte das große Glück, eine ausgesprochen vielseitige musikalische Erziehung zu genießen. Natürlich stand die klassische Musik im Mittelpunkt, aber mein Vater war auch ein großer Liebhaber von Jazz, Bossa Nova und Tango. So war ich immer offen für unterschiedliche Musikstile. Zudem war mein Vater ein enger Jugendfreund von Martha Argerich und Nelson Freire, und bei uns zu Hause waren ständig Musikerfreunde zu Gast – darunter Rafael Orozco, Bruno Gelber, Charles Dutoit, Stephen Kovacevich, Daniel Barenboim und natürlich Martha und Nelson. Selbst wenn ich keinen Unterricht bekam, konnte ich ihnen beim Üben zuhören, ihren Gesprächen lauschen und ihren Musikgeschmack miterleben … Was könnte sich ein Kind mehr wünschen? Es war, als würde man Schriftsteller werden, während man mit Shakespeare, Goethe und Borges unter einem Dach aufwächst.
Martha Argerich hat eine entscheidende Rolle in Ihrer musikalischen Laufbahn gespielt. Können Sie uns erzählen, wie Sie sie kennengelernt haben und wie Ihre Zusammenarbeit aussieht?
Mein Vater war ein sehr enger Freund von Martha. Als argentinischer Diplomat lebte er zur gleichen Zeit in der Schweiz, als Martha und Nelson in Europa studierten – tatsächlich teilten sie sich alle eine winzige Wohnung. Da er der einzige war, der Geld verdiente, waren sie im Grunde auf ihn angewiesen, um über die Runden zu kommen. Martha erzählte mir einmal lachend, dass mein Vater am Monatsanfang sein Gehalt bekam und sie dann ein großes Festmahl feierten … und am Monatsende, wenn alles aufgebraucht war, lebten sie von Nudeln ohne Soße. Aber sie hatten so viel Spaß dabei!
Ich habe Martha buchstäblich seit meiner Geburt gekannt – sie war sogar dabei, als ich geboren wurde –, doch richtig in ihr Spiel verliebt habe ich mich erst mit etwa zehn Jahren, als ich zum ersten Mal ihre Aufnahmen hörte. Ich war völlig fasziniert und versuchte, alles nachzuahmen. Dann hatte ich das unglaubliche Glück, tatsächlich für sie zu spielen und von ihr unterrichtet zu werden. Sie half mir bei der Vorbereitung meines ersten Konzerts im Concertgebouw Amsterdam, das ich im Alter von 14 Jahren gab.
Das war nur der Anfang. Ihr Unterricht war so außergewöhnlich, dass es fast schockierend war, schließlich auch gemeinsam mit ihr öffentlich zu spielen. Es war beängstigend und aufregend zugleich– eine Erfahrung, die ich nie vergessen werde.
Mischa Maisky war einer Ihrer ersten Kammermusikpartner, und Sie haben gemeinsam mehrere Alben für die Deutsche Grammophon aufgenommen. Wie kam es zu dieser Kammermusikpartnerschaft, und gibt es besondere Erinnerungen an die gemeinsamen Auftritte?
Meine erste und langjährige Kammermusikpartnerin war – und ist bis heute – meine Schwester Karin Lechner. Aber meine allererste Zusammenarbeit mit einem anderen Instrumentalisten war mit dem Cellisten Mischa Maisky.
Alles begann dank Martha, die mir immer wieder sagte, ich müsse unbedingt mehr Kammermusik spielen. Sie schlug vor, dass ich mit Mischa zusammenarbeite. Ich dachte damals: „Völlig verrückt! Wie soll mein erster Kammermusikpartner einer der besten Cellisten aller Zeiten sein?“
Ein paar Jahre später rief mich Mischa selbst an und fragte, ob ich mit ihm in Belgien die Chopin-Sonate spielen wolle. Nach meinem ersten Schreck sagte ich zu, verfiel jedoch sofort in Panik und übte das anspruchsvolle Stück wie besessen. Martha, die damals unsere Nachbarin in Brüssel war, hörte mir beim Üben zu. Eines Tages rief sie Mischa an und sagte einfach: „Er ist bereit.“ Sie zog mich praktisch vom Klavier weg und brachte mich zu unserer ersten Probe – und blätterte mir sogar die Notenseiten um!
Das war der Beginn einer lebenslangen Freundschaft und eines musikalischen Dialogs. Dafür werde ich Martha immer unendlich dankbar sein.
Sie verbindet eine langjährige Freundschaft mit Gustavo Dudamel und Sie haben schon oft mit ihm zusammengearbeitet, unter anderem bei Ihrem Debüt mit den Berliner Philharmonikern. Können Sie uns etwas über ihn erzählen und gibt es aktuelle Projekte, an denen Sie gemeinsam arbeiten?
Ich habe Gustavo 2005 in Buenos Aires beim Martha Argerich Festival kennengelernt. Damals war er noch nicht der internationale Superstar, der er heute ist, und leitete das Simón Bolívar Orchestra in mehreren Konzerten. Beim Eröffnungskonzert spielte Martha Prokofjews 1. Klavierkonzert, und ich Tschaikowskys 1. Klavierkonzert – beide mit ihm am Dirigentenpult.
Von der allerersten Probe an war die Chemie zwischen uns perfekt. Wir spielten das gesamte Konzert praktisch ohne Unterbrechung und stellten am Ende fest, dass es fehlerfrei war. Aus professioneller Pflicht wiederholten wir noch einige Passagen, aber ehrlich gesagt wäre das gar nicht nötig gewesen.
Neben dieser musikalischen Harmonie sind wir uns auch menschlich sehr nahe gekommen – Gustavo ist für mich wie ein Familienmitglied. Wir haben unzählige Male zusammen musiziert, und mit seiner (neuen)? Position als Chefdirigent der New York Philharmonic planen wir bereits mehrere spannende Projekte.
Können Sie uns von Ihren Erfahrungen beim Auftritt mit den Berliner Philharmonikern berichten?
Ich konnte es kaum glauben, als ich die Einladung erhielt, mit einem der außergewöhnlichsten Orchester der Welt zu spielen. Natürlich war ich zunächst eingeschüchtert. In meiner Vorstellung waren sie alle viel älter – das Bild, das ich aus meiner Kindheit kannte. Stattdessen stellte ich fest, dass ich wahrscheinlich älter war als die meisten von ihnen, und ihre Herzlichkeit sowie ihr großartiges Spiel versetzten mich während der Proben und Konzerte in einen Zustand purer Glückseligkeit.
Es war eine unvergessliche Erfahrung – gleichzeitig inspirierend und unglaublich lehrreich.
Können Sie uns neben Ihrem Auftritt mit den Berliner Philharmonikern noch einige weitere unvergessliche Konzerte Ihrer Karriere nennen?
Da gibt es so viele! Um nur einige zu nennen: Mein erster Auftritt mit Rachmaninows Drittem Klavierkonzert in Stavanger unter Alexander Dmitriev im Alter von 18 Jahren – eine völlig außergewöhnliche Erfahrung, bei der ich das Gefühl hatte, dass einfach nichts schiefgehen konnte.
Auch mein erstes Konzert mit Martha werde ich nie vergessen; die Spannung dieses Moments spüre ich noch Jahrzehnte später. Meine Erlebnisse mit Mischa, mit Gustavo und dem Simón-Bolívar-Orchester, später mit Santa Cecilia, Bamberg, Los Angeles und dem New York Philharmonic – all das sind unvergessliche Erinnerungen.
Ein weiterer ganz besonderer Moment war die Aufnahme von „Hommage“ mit Nelson Freire. Seine Art, Musik zu gestalten, hat mich immer über alle Grenzen hinaus berührt, und mit ihm zu musizieren war einer der schönsten Momente meines Lebens. Ich könnte noch seitenlang weitermachen …
Können Sie etwas über die Auftragskomposition neuer Werke sagen?
Obwohl ich das Glück hatte, wunderbare Musik uraufzuführen, habe ich selbst nur ein einziges Werk in Auftrag gegeben: die Tango Rhapsody von Federico Jusid. Dieses seltene Stück für zwei Klaviere und Orchester hat alles – Leidenschaft, Zärtlichkeit, Wut, Humor, sogar Schauspielkunst! Meine Schwester Karin und ich haben es vor Jahren in Lugano beim Martha Argerich Festival uraufgeführt, und ich freue mich immer, wenn wir es wieder spielen dürfen.
Ich hatte außerdem die Gelegenheit, Esteban Benzecrys Universos Infinitos und Constelaciones del Tiempo zu uraufführen – in Los Angeles mit Gustavo und in São Paulo mit den São Paulo Chamber Soloists.
Welche Aufnahmeprojekte haben Sie für die Zukunft geplant?
Ich arbeite derzeit an einer Aufnahme zum Thema Liebe. Ich kann noch nicht zu viele Details verraten, aber ich möchte sie meiner Frau widmen … pssst, sie weiß noch nichts davon.
Sie sind bereits in Asien, Europa sowie Nord- und Südamerika aufgetreten. Welche neuen Ziele oder Richtungen möchten Sie als Nächstes erkunden?
Ich war noch nie besonders gut darin, mich in die Zukunft auszumalen – und noch weniger darin, zu planen, was ich erkunden möchte. Das Leben und die Musik sind für mich unvorhersehbar, und genau das macht sie für mich so unwiderstehlich.
Sergio Tiempo wird im General Management von Tanja Dorn, Dorn Music vertreten.
Änderungen und Kürzungen nicht ohne Zustimmung des Managements.
Juli 2026